Zur Ausstellung Autoren Galerie 1, 2011

Begebenheiten im Blau-Grün

Zunächst treten die Werke von Greta Merdan dem Betrachter mit übersichtlicher Bildkonstellation entgegen. Hingegen sind die Aspekte, die in die Bildfindungen eingehen, und die Empfindungen, die diese auslösen, vielschichtig. Dabei überlässt die Künstlerin vordergründig dem Zufall die Motivsuche. Ein zu elegant gekleideter Mann, der ihr im Tierpark auffiel, wird zu einer Rückenfigur vor einer ebenen Landschaft. Doch der Bruch zwischen Zivilisation und Natur oder die Rückenfigur in der Tradition der Kunst bis hin zu Caspar David Friedrichs „Wanderer über demNebelmeer“ überzeugen nicht als Deutungsmöglichkeiten. Die Angepasstheit in Sachen Kleidung, die beim Spaziergang durch den Zoo zur Unangepasstheit wird, war nur Auslöser. Im Bild verleihen Körpersprache und perspektivische Größe dem Torso des Mannes im schwarzen Anzug Macht. Ob er gefährlich, helfend oder besinnlich ist, bleibt ungewiss.

Künstlerisches Ausgangsmaterial für Greta Merdan sind Fotografien, die sie vornehmlich am Computer überarbeitet. Dabei gilt ihre Liebe der Malerei, ohne dass sie diese selbst ausüben möchte. Den von ihr geschätzten Künstlerpersönlichkeiten Edvard Munch und Francis Bacon sowie den von ihr ebenfalls bevorzugten Impressionisten und Expressionisten ist bei aller Verschiedenheit gemeinsam, dass deren Werke vom Unbewussten und von Seelenzuständen handeln. In ihrer eigenen bildnerischen Arbeit sucht Greta Merdan mit Hilfe des Computers der Präzision der Fotografie das Spontane der Malerei hinzuzufügen. Es entstehen auf diese Weise Gestaltungen, auf denen der Mensch sich wie in Kulissen bewegt. Ein Geheimnis umgibt die oft schwarz gekleideten Personen und die, die dem Betrachter den Rücken zuwenden, oder eine schwarze Brille tragen.

Bei der gezeigten Werkauswahl dominieren die Farben Blau und Grün. Es gibt andere, nicht in die Ausstellung eingebrachte Arbeiten, in denen sich Greta Merdan auf die Farbstimmung Rot beschränkt. Himmel und Hölle, kalt und warm. Diese jeweilige Reduzierung des in der Wirklichkeit auftretenden Spektrums taucht die Szenen in atmosphärisch gekennzeichnete Bereiche. Der schwarze Schatten eines Mannes mit Hut erscheint in blauer Umgebung flüchtig, wäre sein Umfeld rot, würde er als gefährlich gedeutet werden können. Obwohl die Bilder aus Teilen unterschiedlicher Herkunft zusammengesetzt sind, scheint es sich um wiedererkennbare Szenen zu handeln. Männliche oder weibliche Personen sitzen, stehen oder bewegen sich wie in alltäglichen Situationen. Wenige einprägsame Details charakterisieren in den oft zweigeteilten Bildern Orte, die doch zu allgemein sind, um identifizierbar zu sein. Durch die abstrahierende Farbe, den entscheidende Informationen verweigernden Bildausschnitt und die Unmöglichkeit, die auf die Körpersprache fokussierten Personen einzuordnen, wird der Eindruck des Unbekannten hervorgerufen. Mit dieser Bildstrategie erzeugt Greta Merdan ein surreales Szenario, das neugierig macht. Die Künstlerin hat Erfahrung mit Regieassistenz und Beteiligung am Schreiben von Stücken beim Theater, dessen Verfahrensweisen offensichtlich auch in unbewegten Bildern funktionieren.

Zusammengehalten werden diese verschiedenen in die Arbeiten eingeflossenen Anteile von einer Ästhetik, die sich auch der Tradition der Malerei verdankt. Bisweilen ist in der abstrakten Form- und Farbauffassung eine Tendenz zur Geometrisierung zu beobachten. In der Verbindung all dieser Elemente hat Greta Merdan eine Handschrift, die sensibel und kraftvoll gleichermaßen ist, entwickelt.

Dr. Annemarie Zeiller